Seoul. „Verhaltet euch wie Gentlemen und helft den Damen mit ihren Koffern!“, ruft der ältere Mann in der gelben Jacke auf dem Tempelvorplatz. Die Teilnehmer sind noch müde und nervös; sie haben sich am Treffpunkt, einem Tempelgelände im Zentrum von Seoul, schnell in zwei Gruppen aufgeteilt: Männern links, Frauen rechts. Sie sprechen nicht miteinander, werfen aber immer wieder Blicke auf die andere Seite.
„Los geht’s!“, ruft der Organisator erneut. „Ihr möchtet doch jemanden kennenlernen?“ Die ersten Männer nähern sich zögerlich den Frauen und bieten höflich ihre Hilfe an. Die Frauen nicken verlegen. Schnell sind alle Gepäckstücke im Bus verstaut, der pünktlich um 7.30 Uhr gen Süden zum Jikjisa-Tempel aufbricht.
Auf der Busfahrt kündigt der Organisator in der gelben Jacke, You Chul-in, erneut an, dass geflirtet werden soll.
Buddhistische Stiftung auf Dating-Mission
„So!“, ruft You Chul-in per Mikrofon durch den Bus, „jetzt stellen wir uns alle vor.“ You Chul-in könnte der Vater der Teilnehmer sein. Sein Arbeitgeber, die „Buddhistische Stiftung für soziale Wohlfahrt Koreas“, ist ein renommierter Akteur im Buddhismus in Südkorea. „Uns ist egal, ob die Teilnehmer Buddhisten sind“, sagt You Chul-in. „Wir wollen einfach junge Menschen zusammenbringen. Die Jungen hier wissen das auch. Deswegen sind sie ja hier!“
Südkorea belegt weltweit den letzten Platz in Bezug auf die Geburtenrate
In den meisten Ländern der Welt wäre es ungewöhnlich, dass sich eine religiöse Institution ins Liebesleben junger Menschen einmischt. In Südkorea ist das jedoch Standard. Mit einer Fertilitätsrate von nur 0,72 Kindern pro Frau liegt das Land weltweit am unteren Ende. Seit 2020 schrumpft die Bevölkerung, was wirtschaftliche Folgen hat: Märkte schrumpfen und das Wachstum wird schwieriger.
Regierungsinitiativen zur Steigerung der Geburtenrate
Die Regierung ist alarmiert und fördert Maßnahmen zur Erhöhung der Geburtenrate. In mehreren Städten wurden bereits Dating-Veranstaltungen von Rathäusern organisiert. Besonders beliebt sind Wochenendausflüge in buddhistische Tempel. Diesmal haben sich 500 Personen um 24 Plätze beworben, je zwölf Männer und zwölf Frauen, mit Video und Fragebogen. Sie hoffen, jemanden kennenzulernen, um zu heiraten und Kinder zu bekommen.
Zum Mittag steigen die erfolgreichen Bewerberinnen aus dem Bus, nachdem sie bereits Gespräche geführt haben. Die Männer eilen zum Kofferraum, um die Gepäckstücke zu tragen, während die Frauen ihre Tempelkleidung erhalten. Am Nachmittag treffen sich alle im Saal, sitzen auf Kissen im Kreis und stellen sich erneut vor. “Ich suche einen süßen Typen”, flüstert eine 27-Jährige namens Yujin. “Im Joballtag ist es schwer, jemanden kennenzulernen. Man arbeitet oft bis spät. Auch im Fitnesscenter ist es schwierig, Gespräche zu führen. Wenn man die Uni verlässt, lernt man niemanden mehr kennen. Dating-Apps haben hier einen schlechten Ruf.
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