Raya ist die Dating-App der Wohlhabenden und Berühmten, der Menschen auf den “A-Lists”, wie es in den USA genannt wird. Verschiedene preisgekrönte Schauspieler, Sängerinnen und Models sollen bereits die große Liebe auf der App gesucht haben. Schauspieler Channing Tatum, Oscar-Gewinner Ben Affleck, Top-Model Cara Delevingne und viele mehr.
In den sozialen Medien gibt es mittlerweile Kritik an der App, einen regelrechten Aufschrei. Dort tummeln sich nun auch weniger bekannte Menschen und solche aus weniger glamourösen Berufen. Menschen scheinen ernsthaft schockiert zu sein. Warum das so ist? Was macht Raya so besonders? Was bewegt Menschen dazu, unbedingt auf Raya sein zu wollen, wenn es bereits eine Vielzahl von Dating-Apps gibt? Hinge, Tinder, Bumble, um nur einige zu nennen. Mich lässt das verwirrt zurück. Ich entscheide mich zu einem Selbstversuch, um Klarheit zu gewinnen.
Ich mache mich zunächst schlau. Eine Nutzerin schreibt auf der Plattform Reddit: “Ich lebe in Los Angeles und frage mich, ob die Qualität der Leute auf Raya besser ist als auf Bumble und Tinder”. Es wäre interessant zu erfahren, wie sie die Qualität von Menschen auf Dating-Apps misst. Anhand der perfekt kuratierten Fotos, die man bei Raya fast ausschließlich sieht? Aber dazu später mehr.
Tolle Neuigkeiten
Ein angeblicher ehemaliger Nutzer der App antwortet der Frau: “Früher war es die Spitze der Promi-Nahrungskette, aber jetzt ist es einfach nur übersättigt. Jeder Immobilienmakler hat seinen Weg dorthin gefunden und es ist einfach nur protzig.” Für mich als Person ohne jeglichen Promi-Status sind das großartige Neuigkeiten.
Nach meiner persönlichen Erfahrung haben Journalisten und Immobilienmakler einiges gemeinsam. Einige mögen denken, dass wir in derselben Gehaltsklasse spielen, was ich zumindest nicht bestätigen kann. Ich denke eher, dass beide manchmal überzeugend darlegen müssen, warum das, was sie anbieten, mehr wert ist, als es aussieht. Also sollte meiner Anmeldung auf Raya nichts im Weg stehen, denke ich.
100.000 Menschen sollen 2018 auf der Warteliste gestanden haben
Falsch gedacht. Natürlich muss man zunächst an den Türstehern dieses VIP-Clubs vorbei. Vor der Registrierung muss man sich um ein Profil auf der Dating-App bewerben. Das bedeutet konkret: Name, Instagram-Account und Beruf angeben. Anschließend landet man auf einer Warteliste. Irgendwann entscheidet dann jemand, ob man der exklusiven App würdig ist. Berichten des Magazins GQ Germany zufolge sollen im Jahr 2018 etwa 100.000 Menschen auf der Warteliste gestanden haben.
Ich würde gerne glauben, dass solche Aussagen nur auf einer cleveren PR-Strategie beruhen, wenn ich nicht die Warteschlangen des Berghains an einem Samstagabend kennen würde. Obwohl Raya vermutlich eher dem edlen Memberclub Soho House unter den Dating-Apps entspricht. An dieser Stelle würde ich gerne erwähnen, wie viele Personen in Berlin die App nutzen, aber auch Zahlen zur Nutzung scheinen exklusiv zu sein – es gab keine Rückmeldung von Raya.
Da ich ungeduldig und vielleicht ein wenig zu stolz bin, um anzustehen, nutze ich ein paar Tage lang den Raya-Zugang einer Freundin, den sie für meine investigativen Recherchen reaktiviert hat. Für 20 Euro im Monat bin ich dabei. Es ist ein bisschen wie nach Island zu fahren, um Polarlichter zu sehen. Nur, dass es auf Raya keine Stars zu sehen gibt, sondern Sternchen, wie ich feststellen muss.
So nah und doch unerreichbar. Nur wer Mitglied des Privatclubs ist, kann auf dem Dach des Soho House in der Sonne liegen und am Pool entspannen. Die Aussicht ist spektakulär, das Publikum prominent. Ähnlich mondän scheint das Publikum auf der Raya-App zu sein.
Der erste junge Mann, der mir angezeigt wird, steht auf einem roten Teppich, mit der Wand im Hintergrund deutet alles darauf hin, dass er gerade bei den Emmys ist. Tatsächlich hält er eine solche Goldstatue in der Hand, er hat also einen der begehrtesten Preise der US-Unterhaltungsindustrie gewonnen – nein, das ist weder erfunden noch übertrieben. Der junge Mann hat sich die Trophäe wohl einfach kurz für ein Foto ausgeliehen. In seiner Selbstbeschreibung steht: “Ich bin nicht hier, um zu daten. Nur um geschäftliche Beziehungen zu knüpfen und gleichgesinnte Freunde zu finden. Ich habe eine Freundin und sie ist perfekt.”
Ist Raya vielleicht doch das exklusive LinkedIn?
Raya zeigt Menschen aus der ganzen Welt, aus Dubai, Los Angeles, Mailand. Es wird offenbar vorausgesetzt, dass man als Nutzerin viel reist und daher keine Probleme mit Entfernungen hat. Genauso wird angenommen, dass man sich diese Reisen leisten kann. Einige schreiben sogar selbst, was ihre nächsten Reiseziele sind, mit entsprechenden Daten. Wenn man nicht auf den nächsten eigenen Aufenthalt in L.A. warten möchte, kann man sich Menschen in der Umgebung anzeigen lassen. Neukölln, Prenzlauer Berg, Mitte, Steglitz – in ganz Berlin gibt es Kandidaten.
Zurück zu dem Mann mit dem Emmy-Award und der perfekten Freundin. Er hat insgesamt 21 Interessen angegeben, die von Spiritualität über “Protein bingen” bis “Hähnchenbrust” reichen. Ich vermute, er wollte ausdrücken, dass er gerne Hähnchenbrust isst. Sein Hobby: investieren. Ich swipen weiter. Es scheint nicht nur der Hähnchenbrust-Mann zu sein, der nur das eine will: Geschäftskontakte. Tatsächlich scheint die Suche nach “gleichgesinnten Freunden” und potenziellen “Collabs” auf Raya gar nicht so ungewöhnlich zu sein. Viele Nutzer geben an, sich auf der App freundschaftlich oder geschäftlich vernetzen zu wollen. Vielleicht liegt das daran, dass viele von ihnen kreative Berufe haben – Influencer, Creative Director, Models. Man profitiert voneinander, warum also nicht zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und aus der Dating-App prompt auch ein exklusives LinkedIn machen?
Gefühle wie Waren
Dies erklärt vielleicht auch, warum man auf Raya keine “Matches”, sondern “Connections” hat. Ein etwas subtiler Hinweis darauf, dass es hier weniger um Gefühle, sondern um Geschäftsbeziehungen geht. Oder eben um “Emodities”, wie die Soziologin Eva Illouz es nennt: Emotionen, die beim Online-Dating kommerzialisiert und strategisch eingesetzt werden, um sozialen und emotionalen Nutzen zu erzielen.
Es geht weniger um den Austausch von echten Gefühlen, sondern um die bewusste Präsentation von Persönlichkeit, um sich in einem sozialen Umfeld besser zu positionieren. Raya macht dabei keinen Unterschied zwischen privater Verbindung und geschäftlichem Networking – beides kann mit einem Swipe beginnen. Raya setzt im Gegensatz zu anderen Dating-Apps noch das Exklusivitäts-Siegel drauf. Am Ende bleibt der Eindruck: Wo Exklusivität und Selbstinszenierung regieren, bleibt für echte Nähe wenig Raum – vielleicht ist Raya damit auch einfach ein glänzender gesellschaftskritischer Spiegel.
Gerade, als ich mich in ironischer Überheblichkeit verlieren will, passiert es: Das Foto meines derzeitigen Promi-Schwarms taucht auf. Er scheint aktuell in Berlin zu sein. Nein, es ist nicht Harry Styles. Es ist ein junger spanischer Schauspieler mit Tattoos und blonden Haaren. Und nein, ich darf den Namen nicht verraten – Raya ist da super streng! Mein Versuch, einen Screenshot zu machen, wird etwa mit einer Warnung quittiert: Noch ein Versuch und ich bin raus.
Beim Anblick des Fotos spüre ich selbst kurz, was ich hier eigentlich belächeln wollte: Den Reiz, für einen Moment Teil einer exklusiven Welt zu sein und nahe an jemandem zu sein, der sonst unerreichbar scheint. Eine bahnbrechende Erkenntnis, ich weiß. Interessanter ist, dass der eigentliche Reiz darin liegt, nur potenziell Teil einer anderen Welt zu sein.
Vielleicht überlässt man die App also einfach den Reichen und Berühmten, die ohnehin unter sich bleiben wollen. Ein digitales Borchardt quasi. Und wenn ich nicht gerne im Edelrestaurant der Berliner Elite sitze, warum sollte ich dann auf Raya swipen wollen, oder?
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