Dating-Apps sind vergleichbar mit Katalogen. Man durchblättert von Foto zu Foto und wählt aus, was einem am besten gefällt. Aber auch man selbst wird zur Präsentation und bietet sich im Katalog an. Um Profile anzusehen, muss man auch Fotos von sich hochladen und hoffen, dass das Gegenüber die Bilder mag und es zu einem Match kommt. Einige begnügen sich damit, sich auf Bier, Kaffee oder ähnliches zu verabreden. Mir genügt das nicht. Wenn mir der erste Eindruck zusagt, analysiere ich im nächsten Schritt ausführlich das Profil und entscheide dann, die Person anzuschreiben.
Einige Dating-Apps bieten Vorschläge, wie man sich über Fotos hinaus präsentieren kann und stellen sogenannte Eisbrecher zur Verfügung. Auf die Aussage “Darin könnte ich dich vermutlich schlagen” antworten viele mit “Tischtennis” oder geben eines ihrer anderen Talente an. Nicht so R. Er schrieb: “Ich bin eigentlich nicht hier, um jemanden zu schlagen.” Das brachte mich ins Wanken.
Vielleicht war ich gerade in einem gewissen Zustand oder leicht angetrunken, als ich ihm den Kommentar hinterließ: “Schlagen ist ja nicht immer schlecht.” Doch es geschah nichts. Bis er sich etwa drei Monate später meldete und ich gerade genug Langeweile hatte, um darauf einzugehen. Wir verabredeten uns für das Wochenende. Er schlug eine Bar vor, ich konterte mit einer, die in der Nähe meiner Wohnung lag. Ich hatte Lust auf Sex. Da war es praktisch, nach der Bar nicht weit fahren zu müssen.
Beim Bier am Freitag stellten wir fest, dass wir beide Berufe haben, in denen wir viel schreiben, wenn auch auf verschiedene Weisen. Ich fragte ihn, warum er sich nach so langer Zeit wieder bei mir meldete. Er sagte, er habe längere Zeit die App nicht genutzt, meine Antwort habe sein Interesse geweckt. Er erzählte, dass er eine Zeit lang auf einer Dating-App für Menschen mit Fetischen war. Er berichtete sachlich davon, doch das Thema brachte uns nicht wirklich in Flirtstimmung.
Trotzdem zogen wir weiter in eine andere Bar. Ich lenkte uns auf ein Plüschsofa und hatte Lust zu knutschen, doch von R. spürte ich keine entsprechende Energie. Als er gegen Mitternacht vorschlug zu gehen, war mir immer noch nicht klar, ob es für ihn der Weg nach Hause war oder ob er sich auch anderes vorstellen konnte. Ich jedenfalls wollte ihn mit zu mir nehmen. Auf der Straße küsste ich ihn endlich, er war überrascht, aber nicht abgeneigt. Dann gingen wir langsam in Richtung meiner Wohnung.
“So”, sagte ich, als wir vor meinem Haus ankamen, “hier wohne ich. Möchtest du noch mit hochkommen?” R. war erneut etwas perplex, zögerte und schien innerlich zu kämpfen. Er erklärte, er habe nicht erwartet, dass es so laufen würde. Es sei eine Weile her, dass er beim ersten Date im Bett gelandet sei, er sei müde von einer langen Arbeitswoche und unschlüssig, was er von mir wollte.
Wir entschieden uns, noch etwas zu spazieren. Nach ein paar Runden und noch mehr Knutschen standen wir an einer Kreuzung. “Was hältst du davon?”, fragte ich. “Zur U-Bahn geht es nach links”, sagte ich und nickte in diese Richtung. “Zu mir nach rechts” – Kopfbewegung nach rechts. “Gehen wir zu dir”, sagte R.
Wir knutschten zuerst auf meinem Sofa, wechselten dann ins Bett. R. zog mich aus, küsste meinen Körper, umschmeichelte meine Intimzone, leckte meinen Kitzler, drang mit zwei Fingern ein. Er war der erste Mann, mit dem ich beim ersten Sex zum Höhepunkt kam. Selbst zu kommen war ihm nicht so wichtig, er hatte Spaß an der Sache und ich auch. Er blieb zum Frühstück. Wir tauschten Nummern aus. Ich löschte ihn aus meinem Katalog und mich aus seinem. Und blätterte weiter.
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