Psychologe Lars Segelke erläutert, warum Büro-Romanzen häufig auftreten und wie menschliche Bedürfnisse wie Nähe, Zugehörigkeit und Sicherheit am Arbeitsplatz erfüllt werden.
Beziehungen zwischen Kollegen sind oft von Scham und moralischen Bedenken geprägt, die durch Angst vor Gerüchten, Compliance-Regeln und Bedenken bezüglich der Teamdynamik beeinflusst werden.
Segelke betont die Notwendigkeit für Unternehmen, Bewusstsein für das Thema zu schaffen, Chancen und Risiken zu klären und klare Regeln oder Schulungen für den Umgang mit Liebesbeziehungen anzubieten.
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Herr Segelke erklärt, warum der Arbeitsplatz nach Dating-Apps wie Tinder oder Bumble als idealer Ort gilt, um einen Partner zu finden. Warum verlieben wir uns in unsere Kollegen?
Lars Segelke: Studien zufolge haben 60 bis 70 Prozent der Erwachsenen eine Romanze am Arbeitsplatz erlebt. Dies ist verständlich, da wir viel Zeit mit einer Vielzahl von Menschen am Arbeitsplatz verbringen, gemeinsam Herausforderungen bewältigen und Erfolge feiern. Dies kann grundlegende menschliche Bedürfnisse wie Nähe und Zugehörigkeit erfüllen. Zudem empfinden wir kompetente Kollegen als attraktiv.
Warum übt Kompetenz eine solche Anziehungskraft aus?
Ein Beispiel aus der Natur: Das Exemplar, das am stärksten und kompetentesten ist, hat die höchste Wahrscheinlichkeit, einen Sexualpartner zu finden. Es könnte in unserem biologischen Erbe liegen, dass wir von Stärke, Kompetenz und Selbstbewusstsein angezogen werden. Diese Eigenschaften vermitteln Schutz, Orientierung und Sicherheit – alles Bedürfnisse, die jeder Mensch hat und die am Arbeitsplatz eine Rolle spielen.
Das klingt nach einem natürlichen Phänomen. Dennoch wird das Thema Liebe unter Kollegen oft mit Scham verbunden.
Ich glaube, dass es ein unterschätztes Thema in der Arbeitswelt ist, weshalb es oft mit Scham und Schuldgefühlen einhergeht. Der Fall des CEO, der mit der Personalchefin des Unternehmens beim Coldplay-Konzert erwischt wurde und zurücktrat, prägt unser Bild von diesem Thema. Selbst bei einer einvernehmlichen Beziehung ohne Machtmotive sehen wir eine hierarchische Beziehung schnell als potenziell pathologisch an.
Was bedeutet das konkret?
Wir sind moralisch sensibilisiert und haben Kenntnisse über Missbrauchsskandale, weshalb die Unterstellung unlauterer Motive wie Macht, Kontrolle, Karriere- oder Statusgewinn immer mitschwingt. Solche Aspekte sind immer mit Scham verbunden, insbesondere wenn es als heimliche Flucht aus der eigenen Partnerschaft oder Ehe interpretiert wird.
Oft werden Beziehungen zu Kollegen geheim gehalten. Was sind die emotionalen Beweggründe dafür?
Neben emotionalen Beweggründen kann dies auch mit Compliance-Regeln des Unternehmens zusammenhängen. Selbst wenn es keine Richtlinien gibt, möchte man nicht, dass im Kollegenkreis darüber gesprochen wird. Es besteht die Angst vor Neid, Vorurteilen und Unterstellungen. Man fürchtet, dass sich die Beziehung zum Kollegennetzwerk verändert. Sollte die Beziehung enden und alle davon erfahren, würde man plötzlich eine private Krise am Arbeitsplatz erleben – und alle würden darüber reden. Das könnte unangenehm werden.
Lassen Sie uns die andere Seite betrachten: Warum tratschen Kollegen so gerne über Büro-Romanzen?
Einerseits trägt das Tratschen dazu bei, ein Gefühl der Verbundenheit zu steigern. Man verurteilt gemeinsam jemanden, grenzt sich von ihm und seinem vermeintlichen Fehlverhalten ab und schafft so ein Gemeinschaftsgefühl. Andererseits dient das Lästern als psychologisches Entlastungsmittel für Menschen, die sich minderwertig fühlen oder kein starkes Selbstbewusstsein haben. Sie suchen nach Gelegenheiten, jemanden herabzusetzen, um sich überlegen oder groß zu fühlen.
Wir haben mit einem Bremer Paar gesprochen, das durch die Beziehung beflügelt zur Arbeit geht. Was passiert in so einem Fall?
Es ist vergleichbar mit der gemeinsamen Verantwortung für ein Kind. Man teilt ein gemeinsames Ziel und Interesse, was zu einer starken Verbundenheit führt – ähnlich wie bei einem gemeinsamen Kind oder einem Projekt. Man kann abends darüber sprechen, weil man die Personen und das Themengebiet des anderen kennt. Das fördert ein starkes Gefühl von Verständnis und Nähe.
Arbeitgeber fürchten oft, dass Beziehungen die Produktivität und Teamdynamik beeinträchtigen. Warum sind manche Paare hochproduktiv und andere werden abgelenkt?
Dies hängt stark vom Typ und der Situation ab. Wenn jemand aus einer unglücklichen, langen Partnerschaft kommt und sich jetzt wie ein Teenager in die Kollegin verliebt, kann er hormonell wieder wie ein Teenager sein. In diesem Fall ist er eher geneigt, im Firmen-Chat über seine Pläne mit seiner Partnerin zu sprechen, was die Produktivität beeinträchtigt. Ein weiteres Problem sind Beziehungskonflikte, die plötzlich auf die Arbeit übertragen werden: Man ist frustriert von einem Streit am Vorabend und setzt ihn im nächsten Team-Meeting fort. Das Team spürt den Konflikt und das kann sehr schwierig werden – insbesondere, wenn das Paar kurz vor der Trennung steht.
Wie können Unternehmen einen gesunden Umgang mit Beziehungen am Arbeitsplatz fördern?
Das Wichtigste ist, Bewusstsein für das Thema zu schaffen. Es muss deutlich gemacht werden, dass Liebesbeziehungen am Arbeitsplatz normal sind und auftreten können. Gleichzeitig müssen die Chancen und Risiken benannt werden. Mitarbeiter sollten über die Konsequenzen einer Beziehung am Arbeitsplatz für sich selbst, ihr Team und das Image des Unternehmens informiert sein. Zudem ist es entscheidend, sich der eigenen Motive bewusst zu werden. Geht es um die Flucht aus einer bestehenden Beziehung oder um die Steigerung des Selbstwertgefühls, der Karriere oder des Status?
Wie lässt sich das konkret umsetzen?
In Großunternehmen wird dies proaktiv durch Compliance-Regeln und Vorschriften zur Verhinderung von Machtmissbrauch oder Beförderungen aufgrund sexueller Beziehungen angegangen. In kleineren oder mittelständischen Unternehmen ist das Thema jedoch noch stark unterrepräsentiert. Es bedarf klarer Regeln oder Schulungen.
Warum sollten Unternehmen dies tun?
Man kann entweder unvorbereitet in die Situation geraten und mit den daraus resultierenden Krisen umgehen. Oder man entwickelt proaktiv und präventiv Regelungen und behandelt das Thema offensiv. Ähnlich wie Mobbing und Burn-out sollte auch Liebe am Arbeitsplatz thematisiert werden.
Das Gespräch führte Lennart Bonk.
Zur Person
Lars Segelke (54), Diplom-Psychologe, hat sich während des Studiums mit klinischer Psychologie sowie der Arbeits- und Organisationspsychologie befasst. Bevor er 2019 seine eigene Praxis in Bremen eröffnete, war er lange in der Unternehmensberatung tätig und führte zudem ein eigenes IT-Unternehmen.
Welche präventiven Maßnahmen oder Compliance-Regeln sind in Unternehmen üblich, um mit Liebesbeziehungen unter Kollegen umzugehen?
Übliche präventive Maßnahmen und Compliance-Regeln in Unternehmen im Umgang mit Liebesbeziehungen unter Kollegen sind vor allem klare, transparente Verhaltensregeln, die sowohl das Arbeits- als auch das Ordnungsverhalten betreffen, gegebenenfalls unter Beteiligung des Betriebsrates (Artikel 1). Arbeitgeber dürfen grundsätzlich Beziehungen nicht verbieten oder zur Offenlegung verpflichten, können jedoch bei Störungen des Betriebsfriedens, Leistungsbeeinträchtigungen oder dem Verdacht auf Machtmissbrauch Maßnahmen wie Ermahnung, Abmahnung, Versetzung oder im Extremfall Kündigung ergreifen (Artikel 1 & 2). Beziehungen zwischen Vorgesetzten und Untergebenen unterliegen nicht der Anzeigepflicht, es können jedoch Maßnahmen ergriffen werden, wenn konkrete Nachteile für andere Beschäftigte entstehen oder Machtmissbrauch vorliegt (Artikel 1 & 2).
Quellen
Bremer Anwalt klärt auf Liebe im Büro: Was das Gesetz erlaubt und wann die Kündigung droht
Sind Küsse unter verliebten Kollegen schon ein Grund für eine Abmahnung? Bedeutet Sex im Büro direkt die Kündigung? Ein Bremer Anwalt gibt Antworten rund um das Thema Liebesbeziehungen am Arbeitsplatz.
Liebe am Arbeitsplatz Flirt unter Kollegen geht den Arbeitgeber nichts an
Jeder fünfte Arbeitnehmer hatte am Arbeitsplatz schon mal eine Liebesaffäre. Grundsätzlich geht das den Chef nichts an, erklärt der Arbeitsrechtler Hubertus Bartelt. Aber es gibt ein paar Ausnahmen.
Diese Fragen und Antworten wurden mit KI basierend auf unseren Artikeln erstellt. → Mehr Infos
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