Bei der Internet-Challenge No Nut November sind überwiegend männliche Teilnehmer aufgefordert, den gesamten Monat lang auf Masturbation, Ejakulation oder Sex im Allgemeinen zu verzichten, je nach Interpretation und Sichtweise.
Einerseits gibt es eine Fülle von Pornografie im Internet, Speed-Dating und Situationships, andererseits zeichnet sich in der Dating-Szene eine Gegenbewegung ab, die zahlreiche Aufrufe zu Challenges enthält, auf Männer, Frauen, Beziehungen und Sex zu verzichten. Was steckt dahinter – und bringt Enthaltsamkeit etwas?
Durch Verzicht zum persönlichen Wachstum? Im Internet gibt es zahlreiche Trends und Challenges, die dazu ermutigen, etwas aufzugeben, um zu einer besseren Version seiner selbst zu werden.
Seit einigen Jahren ein beliebter Trend: die No-Nut-November-Challenge
Seit etwa 2017 ist der sogenannte No Nut November (NNN) im Umlauf, abgeleitet von einem umgangssprachlichen Begriff für Ejakulation. Bei dieser Challenge sollen die Teilnehmer einen Monat lang auf Selbstbefriedigung und je nach Auslegung sogar auf jegliche Form von Sex verzichten.
Diese Challenge mag für viele belustigend sein, sagt Maurice Merkert, ein selbst ernannter ‘Mentor für Männer’. Seit Jahren nehmen er und seine Internet-Follower, die bunt gemischt sind, am NNN teil. ‘Es sind nicht nur Jugendliche oder Studenten, sondern eigentlich alle Männer, die spüren, dass etwas nicht stimmt.’
Männer werden im Internet mit einer großen Menge an Pornografie und sexuellen Inhalten konfrontiert, sagt Merkert. Die Challenge, bei der man auf Online-Reize verzichtet, soll dabei helfen, neue Gewohnheiten zu entwickeln. ‘Es geht darum, die eigene sexuelle Energie mit dem Herzen zu verbinden und zu lernen, den Körper anders als durch Befriedigung zu entspannen.’ Diese Entspannung kann durch Sport oder Yoga erreicht werden. Ziel ist es, eine bewusstere Beziehung zu Sex und Partnerschaft zu entwickeln, betont Merkert.
#Boysober: Funktioniert es ohne Männer besser?
Etwas Neues ist die Challenge ‘Boy Sober’ – dabei verzichten heterosexuelle Frauen auf einen Partner für Beziehungen oder Sex. Das Ziel ist, mit sich selbst zufrieden zu sein, anstatt sich im Dating zu verlieren. Mit anderen Worten: ein Entzug vom Dating.
Boy Sober – selbst ist die Frau.
Sich bei Männern oft um sexuelle Bestätigung handelt, sind Frauen eher an einer gewissen Unabhängigkeit interessiert, stellt die Soziologin Marina Thomas fest. ‘Sie wollen nicht mehr so emotional von Männern abhängig sein.’
Traditionelle Beziehungen sind emotional belastend und Frauen leisten gesellschaftsbedingt mehr Care-Arbeit, sagt Thomas, die an der Universität Wien unter anderem zu Online-Dating-Trends forscht. ‘Ich kann mir gut vorstellen, dass #boysober auch zu einer Befreiung von dieser Ablenkung führt. Man beschäftigt sich nicht mehr mit den Problemen der anderen, sondern konzentriert sich wieder auf sich selbst als Frau.’
Doch #Boysober zeigt, dass auch diese neuen Beziehungsformen für viele nicht befriedigend sind. Es gibt jedoch Parallelen zum NNN. ‘Sexuelle Enthaltsamkeit bekommt plötzlich einen Wert, weil wir plötzlich etwas historisch Neues sehen: die potenzielle Gefahr von Sex im Überfluss.’ Wenn etwas im Überfluss vorhanden ist, wird es weniger geschätzt.
Experte: Sexfasten ist keine neue Erfindung
Diese Herausforderungen mögen neu erscheinen, sind aber eigentlich altbekannt, erklärt Sexualmediziner Jörg Signerski-Krieger. ‘Abstinenzphasen gab es immer wieder. Auch in Bezug auf Fastenzeiten gab es implizit auch Sexfasten,’ sagt er.
Es ist fraglich, ob solche Abstinenz-Challenges einen Effekt haben. ‘Ich glaube nicht, dass der Verzicht auf Sex nur um des Verzichts willen einen Effekt hat’, betont Signerski-Krieger, Dozent bei der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung. Es geht mehr darum, solche Challenges mit einem bestimmten Ziel zu verfolgen.
Medizinisch gesehen hat der Verzicht auf Sex kaum einen Nutzen. ‘Sex an sich ist gesund – er baut Cortisol ab, senkt den Stresslevel, setzt Glückshormone frei und ist eine sportliche Aktivität.’ Ein Vorteil des Verzichts könnte der Rückgang sexuell übertragbarer Krankheiten sein – ‘aber es gibt auch andere Methoden, um dem entgegenzuwirken, ohne auf Sex zu verzichten.’
Zölibat ist eine religiös begründete Entscheidung, Verzicht ist Selbstbestimmung
Insbesondere der No Nut November wird in bestimmten Kreisen propagiert, die rechtskonservativ oder sogar frauenfeindlich sind. ‘Teilweise kommen diese Challenges aus dem konservativen, evangelikalen Bereich,’ sagt Sexualmediziner Signerski-Krieger. Eine Hypothese ist, dass Sexualität mit Religiosität konkurriert.
Der Verzicht auf Sex ist in vielen Religionen eine Regel oder vorübergehende Anweisung. ‘Ich würde es jedoch nicht mit dem Zölibat vergleichen, denn dies hat einen religiösen Hintergrund und eine ganz andere Bedeutung,’ sagt Soziologin Thomas. Mit dem Zölibat wird die sexuelle Enthaltsamkeit von Geistlichen in der römisch-katholischen Kirche bezeichnet. Thomas sieht jedoch das Potenzial, dass die November-Challenge instrumentalisiert werden könnte. Junge Männer sind dafür besonders empfänglich.
Um solchen Tendenzen entgegenzuwirken, betont Signerski-Krieger, dass es wichtig ist, junge Menschen über sexuelle Gesundheit aufzuklären und sie zur sexuellen Selbstbestimmung zu ermutigen. ‘Nur wenn man sexuell selbstbestimmt ist, kann man über die sexuellen, moralischen und konservativen Aspekte nachdenken und auf dieser Grundlage entscheiden, ob man sich solchen Challenges stellt oder sie ablehnt.’
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